
Es war letzten September, als mein Mann vom Elternabend nach Hause kam und strahlend verkündete: "Ich bin jetzt Kassenwart im Fußballverein!" Ich schaute ihn über meine Kaffeetasse hinweg an und fragte nur: "Bist du versichert?" Die Frage mag unromantisch klingen, aber nach unseren Erfahrungen mit dem Ehrenamt wussten wir beide, dass diese Frage wichtiger ist, als man denkt. Was als harmlose Vereinstätigkeit beginnt, kann schnell zu einem juristischen und finanziellen Albtraum werden, wenn man nicht richtig abgesichert ist. Diese Lektion haben wir auf die harte Tour gelernt.
Angefangen hat alles vor fünf Jahren, als ich mich entschied, bei der örtlichen Nachbarschaftshilfe mitzumachen. Die Idee war simpel: Älteren Menschen beim Einkaufen helfen, mal einen Arztbesuch begleiten, kleine Besorgungen erledigen. "Das macht doch jeder gute Nachbar", dachte ich mir. Was ich nicht bedacht hatte: Als Ehrenamtliche bewegt man sich in einer rechtlichen Grauzone. Das wurde mir schlagartig klar, als ich mit Frau Müller, einer 82-jährigen Dame aus unserem Viertel, zum Supermarkt fuhr. Beim Aussteigen rutschte sie auf dem nassen Parkplatz aus und brach sich den Arm. Die Frage, die sich plötzlich stellte: Bin ich dafür verantwortlich? Hätte ich sie besser stützen müssen? Wer zahlt die Behandlungskosten?
Die private Haftpflichtversicherung, auf die wir uns verlassen hatten, deckt ehrenamtliche Tätigkeiten nur bedingt ab. Das erfuhren wir erst, als wir nach dem Unfall von Frau Müller unsere Versicherungspolice genauer studierten. In den Kleingedruckten stand tatsächlich, dass ehrenamtliche Tätigkeiten nur versichert sind, wenn sie "gelegentlich" und "unentgeltlich" erfolgen. Aber was heißt "gelegentlich"? Einmal im Monat? Einmal die Woche? Und zählt die Aufwandsentschädigung von 5 Euro pro Einsatz, die wir für Benzinkosten bekommen, schon als Entgelt? Die Versicherung wollte zunächst nicht zahlen, erst nach monatelangem Hin und Her übernahmen sie die Kosten – aus Kulanz, wie sie betonten.
Diese Erfahrung war ein Weckruf für uns. Wir begannen, uns intensiv mit dem Thema Versicherungsschutz im Ehrenamt zu beschäftigen. Was wir herausfanden, war erschreckend: Viele Ehrenamtliche wissen gar nicht, wie schlecht sie abgesichert sind. Ein Freund von uns, der bei der Freiwilligen Feuerwehr ist, erzählte uns, dass er jahrelang dachte, über die Feuerwehr komplett versichert zu sein. Erst als er bei einem Einsatz sein Handy verlor und Ersatz forderte, erfuhr er, dass nur Personenschäden, nicht aber Sachschäden abgedeckt sind.
Die rechtliche Situation ist komplex und von Bundesland zu Bundesland verschieden. In Bayern zum Beispiel gibt es eine Sammelversicherung für alle Ehrenamtlichen, die der Freistaat abgeschlossen hat. Sie greift, wenn keine andere Versicherung zuständig ist. In Nordrhein-Westfalen gibt es ein ähnliches Modell. Aber die Leistungen sind begrenzt: meist nur 1 Million Euro für Personenschäden und 100.000 Euro für Sachschäden. Das klingt viel, ist aber schnell aufgebraucht, wenn jemand dauerhaft geschädigt wird.
Als mein Mann dann das Amt des Kassenwarts übernahm, waren wir schlauer. Erste Frage an den Vorstand: "Gibt es eine Vereinshaftpflichtversicherung?" Die gab es tatsächlich, aber sie deckte nur Schäden ab, die bei Vereinsveranstaltungen entstehen. Was ist, wenn er zu Hause am Computer die Vereinsbuchhaltung macht und versehentlich einen Virus einschleppt, der das gesamte Vereinsnetzwerk lahmlegt? Oder wenn er beim Transport der Trikots zum Waschen einen Auffahrunfall verursacht? Diese Szenarien waren nicht abgedeckt.
Die Vermögensschadenhaftpflicht ist ein Thema, das besonders Vorstandsmitglieder betrifft. Mein Mann könnte theoretisch persönlich haftbar gemacht werden, wenn er einen Buchungsfehler macht und dem Verein dadurch ein finanzieller Schaden entsteht. Oder wenn er Fördergelder falsch beantragt und diese zurückgezahlt werden müssen. Die meisten kleinen Vereine haben keine Vermögensschadenhaftpflicht, weil sie teuer ist – oft 500 bis 1.000 Euro im Jahr. Für einen Sportverein mit 200 Mitgliedern und chronisch knapper Kasse ist das viel Geld.
Nach langen Diskussionen im Vorstand wurde beschlossen, eine D&O-Versicherung (Directors and Officers) abzuschließen. Diese schützt Vorstandsmitglieder vor den finanziellen Folgen von Fehlentscheidungen. Die kostet den Verein 800 Euro im Jahr, aber dafür können alle Vorstandsmitglieder ruhiger schlafen. Interessant war die Diskussion in der Mitgliederversammlung: Einige meinten, das sei rausgeschmissenes Geld, andere fanden es unverantwortlich, ohne diese Versicherung zu arbeiten. Am Ende stimmte die Mehrheit dafür – auch weil sonst niemand mehr bereit war, Vorstandsämter zu übernehmen.
Ein besonders heikles Thema ist die Unfallversicherung. Grundsätzlich sind Ehrenamtliche über die gesetzliche Unfallversicherung abgesichert, wenn sie im Auftrag der Kommune oder eines gemeinnützigen Vereins tätig sind. Aber der Teufel steckt im Detail. Ein Bekannter von uns, der ehrenamtlich Flüchtlinge betreut, hatte einen Unfall auf dem Weg zu einem seiner Schützlinge. Die Berufsgenossenschaft lehnte die Kostenübernahme ab, weil er einen "unversicherten Umweg" gemacht hatte – er hatte noch schnell Brötchen für das gemeinsame Frühstück gekauft. Solche Fälle zeigen, wie wichtig es ist, die genauen Bedingungen zu kennen.
Die Aufwandsentschädigung ist ein weiteres Minenfeld. Bis zu 3.000 Euro im Jahr (840 Euro für Übungsleiter) sind steuerfrei, das wissen die meisten. Aber was viele nicht wissen: Diese Zahlungen können Auswirkungen auf den Versicherungsschutz haben. Sobald eine Aufwandsentschädigung gezahlt wird, argumentieren manche Versicherungen, dass es sich nicht mehr um ein "reines" Ehrenamt handelt. Wir haben das selbst erlebt, als ich für meine Tätigkeit in der Nachbarschaftshilfe plötzlich 50 Euro im Monat bekam. Prompt wollte unsere Haftpflichtversicherung einen höheren Beitrag.
Die Absicherung bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist besonders wichtig. Meine Schwester leitet ehrenamtlich eine Kindergruppe in der Kirche. Was passiert, wenn ein Kind sich verletzt? Wer haftet, wenn sie ihre Aufsichtspflicht verletzt? Die Kirche hat zwar eine Versicherung, aber die greift nur bei "grober Fahrlässigkeit". Was das genau bedeutet, weiß niemand so richtig. Ist es grob fahrlässig, wenn sie kurz auf Toilette geht und in der Zeit ein Kind vom Klettergerüst fällt? Diese Unsicherheit belastet viele Ehrenamtliche.
Ein Punkt, der oft vergessen wird: Datenschutz und Ehrenamt. Mein Mann hat als Kassenwart Zugang zu den Bankdaten aller Vereinsmitglieder. Was passiert, wenn sein Laptop gestohlen wird und die Daten in falsche Hände geraten? Seit der DSGVO können die Strafen erheblich sein. Der Verein hat daraufhin eine Cyber-Versicherung abgeschlossen, die auch Datenschutzverletzungen abdeckt. Kostenpunkt: weitere 400 Euro im Jahr. Man sieht: Ehrenamt wird immer teurer für die Vereine.
Die Haftung bei Sachschäden ist ein ständiges Thema. Letztes Jahr half ich beim Stadtfest mit und sollte den Getränkestand betreuen. Beim Aufbau fiel mir eine Kiste Bier runter – Schaden: 30 Euro. Wer zahlt? Ich? Der Veranstalter? Die Brauerei? Am Ende habe ich es selbst bezahlt, um Diskussionen zu vermeiden. Aber rechtlich gesehen hätte der Veranstalter zahlen müssen, da ich in seinem Auftrag gehandelt habe. Viele Ehrenamtliche zahlen kleine Schäden aus eigener Tasche, um keinen Ärger zu bekommen. Das sollte nicht sein.
Die Kommunikation zwischen Ehrenamtlichen und Organisationen über Versicherungsfragen ist oft mangelhaft. Bei meinem Einstieg in die Nachbarschaftshilfe gab es keine Einweisung zum Thema Versicherung. Erst nach dem Unfall mit Frau Müller wurde ein Informationsabend organisiert. Dort erfuhren wir, dass die Stadt tatsächlich eine Sammelversicherung für alle Ehrenamtlichen hat – aber niemand hatte uns das vorher gesagt! Die Police deckt Haftpflicht- und Unfallschäden ab, allerdings mit Selbstbeteiligung und Höchstgrenzen.
Ein praktisches Beispiel aus unserem Vereinsleben: Bei einem Jugendturnier wurde ein geparktes Auto von einem Fußball getroffen und die Windschutzscheibe ging kaputt. Schaden: 500 Euro. Die Vereinshaftpflicht wollte nicht zahlen, weil der Ball von einem Gastspieler geschossen wurde. Die Haftpflicht des Gastspielers wollte nicht zahlen, weil es beim Sport passierte. Am Ende einigte man sich außergerichtlich, der Verein zahlte die Hälfte aus der Vereinskasse, der Gastspieler die andere Hälfte. Solche Fälle zeigen, wie kompliziert die Haftungsfragen sein können.
Die Absicherung bei Veranstaltungen ist ein Kapitel für sich. Unser Sportverein organisiert jedes Jahr ein Sommerfest mit 500 Besuchern. Dafür braucht es eine separate Veranstalterhaftpflicht, die etwa 300 Euro kostet. Sie deckt ab, wenn jemand über ein Kabel stolpert oder sich am Grill verbrennt. Aber was ist mit Alkoholausschank? Wenn ein Besucher betrunken nach Hause fährt und einen Unfall baut, kann der Verein theoretisch mithaften. Deshalb gibt es bei uns nur noch Bier und Wein, keine harten Sachen mehr.
Die persönliche Ausrüstung ist oft nicht versichert. Mein Mann nutzt sein privates Tablet für die Vereinsbuchhaltung. Wenn es kaputtgeht, ersetzt das niemand. Ein Freund bei der Feuerwehr hat sich eine teure Taschenlampe gekauft, weil die Ausrüstung der Wehr veraltet ist. Bei einem Einsatz ging sie verloren – Pech gehabt, selbst zahlen. Viele Ehrenamtliche investieren privates Geld in ihre Tätigkeit und bleiben im Schadensfall darauf sitzen.
Die Altervorsorge wird beim Ehrenamt oft vergessen. Die Zeit, die man ehrenamtlich tätig ist, zählt nicht für die Rente. Eine Bekannte hat 20 Jahre lang 30 Stunden pro Woche ehrenamtlich gearbeitet. Jetzt, mit 67, hat sie eine Minirente und bereut, nicht mehr in ihre eigene Absicherung investiert zu haben. Einige Organisationen zahlen freiwillig in die Rentenversicherung ein, aber das ist die Ausnahme.
Nach all diesen Erfahrungen haben wir für uns ein System entwickelt. Bevor wir ein neues Ehrenamt annehmen, stellen wir eine Checkliste ab: Gibt es eine Haftpflichtversicherung? Wie bin ich bei Unfällen abgesichert? Wer haftet für Schäden, die ich verursache? Gibt es eine schriftliche Vereinbarung über meine Tätigkeit? Sind Fahrtkosten versichert? Diese Fragen mögen kleinlich wirken, aber sie ersparen später viel Ärger.
Die gesellschaftliche Bedeutung des Ehrenamts kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ohne die Millionen Freiwilligen würde unser Gemeinwesen zusammenbrechen. Sportvereine, Feuerwehren, soziale Dienste – alles steht und fällt mit dem Engagement der Ehrenamtlichen. Umso wichtiger ist es, dass diese Menschen gut abgesichert sind. Es kann nicht sein, dass jemand, der seine Freizeit opfert, um anderen zu helfen, dabei ein finanzielles Risiko eingeht.
Die Politik hat das Problem erkannt, aber die Lösungen sind halbherzig. Die Sammelversicherungen der Länder sind ein Anfang, aber sie reichen nicht. Die Deckungssummen sind zu niedrig, die Ausschlüsse zu zahlreich. Es bräuchte eine bundeseinheitliche Regelung, eine Art "Ehrenamts-Vollkasko", die alle Risiken abdeckt. Die Kosten wären überschaubar – Experten schätzen 50 bis 100 Millionen Euro pro Jahr. Das ist wenig im Vergleich zu dem Wert, den Ehrenamtliche für die Gesellschaft schaffen.
Praktische Tipps aus unserer Erfahrung: Dokumentiert alles! Macht Fotos von Schäden, bewahrt E-Mails auf, führt ein Fahrtenbuch. Im Streitfall sind Beweise Gold wert. Lasst euch Zusagen schriftlich geben. "Das regeln wir schon" reicht nicht. Scheut euch nicht, nach Versicherungen zu fragen. Das ist kein Misstrauen, sondern Vernunft. Und wenn eine Organisation keinen adequate Versicherungsschutz bietet: Finger weg, so wichtig kann kein Ehrenamt sein.
Die Zukunft des Ehrenamts hängt auch davon ab, wie wir mit dem Thema Absicherung umgehen. Immer mehr Menschen scheuen sich vor Vorstandsämtern, weil sie die Haftungsrisiken fürchten. Vereine finden keine Kassenwarte mehr, weil niemand persönlich haften will. Wenn wir wollen, dass sich Menschen weiterhin engagieren, müssen wir ihnen den Rücken freihalten. Das bedeutet: vernünftige Versicherungen, klare Regelungen und eine Kultur, in der Fehler nicht gleich zu persönlichen Katastrophen führen.
Unser persönliches Fazit nach Jahren im Ehrenamt: Es lohnt sich trotz aller Risiken. Die Freude, anderen zu helfen, die Gemeinschaft im Verein, die Dankbarkeit der Menschen – das wiegt vieles auf. Aber man sollte mit offenen Augen rangehen. Ehrenamt ist kein Hobby, es ist eine Verantwortung. Und Verantwortung braucht Absicherung. Wir haben unsere Konsequenzen gezogen: Wir haben unsere private Haftpflicht aufgestockt, eine Rechtsschutzversicherung abgeschlossen und achten genau darauf, für welche Organisation wir uns engagieren.
Die Balance zwischen Engagement und Selbstschutz zu finden, ist nicht immer einfach. Manchmal würde man gerne spontan helfen, muss aber erst klären, wer haftet. Das fühlt sich falsch an, ist aber vernünftig. Ein Beispiel: Letztens bat mich eine Nachbarin, ihre Mutter zum Arzt zu fahren. Früher hätte ich sofort ja gesagt. Heute frage ich erst: "Ist das über die Nachbarschaftshilfe oder privat?" Privat lehne ich ab, über die Organisation mache ich es gerne. Das mag herzlos klingen, aber ein Unfall kann existenzbedrohend sein.
Die Wertschätzung für Ehrenamtliche muss sich auch in der Absicherung zeigen. Es reicht nicht, einmal im Jahr eine Urkunde zu überreichen und sich zu bedanken. Echte Wertschätzung bedeutet, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Ehrenamtliche ohne Angst vor persönlichen Risiken tätig sein können. Dazu gehört auch, dass Hauptamtliche in Organisationen für das Thema Versicherung sensibilisiert werden und Ehrenamtliche entsprechend einweisen.
Für alle, die überlegen, sich ehrenamtlich zu engagieren: Lasst euch nicht abschrecken! Die meisten ehrenamtlichen Tätigkeiten verlaufen problemlos, Schadensfälle sind die Ausnahme. Aber bereitet euch vor, stellt die richtigen Fragen und sorgt für eure Absicherung. Und für alle, die bereits ehrenamtlich tätig sind: Überprüft euren Versicherungsschutz! Es ist nie zu spät, nachzubessern. Ein Anruf bei der Versicherung, ein Gespräch mit dem Vereinsvorstand – das kann im Ernstfall viel Ärger ersparen.
Nächste Woche erzählen wir übrigens von unserem neuesten Projekt: Wir organisieren einen Repair-Café in unserer Nachbarschaft. Die Versicherungsfragen haben wir diesmal von Anfang an geklärt – man lernt ja dazu. Bis dahin wünschen wir euch viel Freude bei eurem Engagement und immer eine gute Absicherung im Rücken. Schaut gerne wieder vorbei an unserem virtuellen Küchentisch, wo wir unsere Erfahrungen aus dem ganz normalen Leben mit euch teilen – mit allen Höhen, Tiefen und Versicherungsfragen.