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Wohnen & Alltagstipps

Weniger Besitz, mehr Leben: Unsere Entdeckungsreise in den minimalistischen Haushalt

by Winterberg 2025. 9. 27.

Neulich saßen wir wieder mal an unserem Küchentisch, zwischen uns dampfender Kaffee und die übliche Zettelwirtschaft, als mein Mann plötzlich aufstand und zur Küchenschublade ging. „Schau mal", sagte er und zog sie auf – ein Chaos aus Korkenzieher-Dubletten, drei Knoblauchpressen (wovon zwei kaputt waren) und gefühlt hundert Plastikdeckel ohne passende Dosen. Das war der Moment, in dem unsere Reise zum minimalistischen Haushalt begann, auch wenn wir das damals noch nicht wussten. Wir räumten aus, sortierten, diskutierten über jeden einzelnen Gegenstand („Aber den Spiralschneider könnten wir doch mal...") und am Ende blieb nur das übrig, was wir tatsächlich benutzten. Die Schublade ging plötzlich butterweich auf und zu, nichts verhakte sich mehr, und irgendwie fühlte sich die ganze Küche luftiger an.

In den ersten Wochen nach der Schubladen-Aktion merkten wir etwas Seltsames: Diese neue Ordnung machte süchtig. Wir begannen, jeden Raum mit anderen Augen zu sehen. Der Flur mit seinen fünf Regenschirmen (für zwei Personen!), das Wohnzimmer mit Dekokissen, die niemand mochte, aber die irgendwie „dazugehörten", der Keller voller Kartons mit Dingen, von denen wir nicht mal mehr wussten, was drin war. Minimalismus im Haushalt bedeutete für uns nicht, in einer sterilen weißen Box zu leben – das ist ein Missverständnis, das viele haben. Es ging darum, nur noch die Dinge zu behalten, die entweder einen echten Nutzen haben oder uns wirklich Freude bereiten. Diese Erkenntnis war wie ein kleiner Befreiungsschlag, denn plötzlich hatten wir die Erlaubnis, uns von all dem Ballast zu trennen, den wir nur aus Gewohnheit oder schlechtem Gewissen aufbewahrten.

Was uns besonders überraschte, war der finanzielle Aspekt dieser Veränderung. Vorher kauften wir ständig Ersatz für Dinge, die wir irgendwo im Chaos verlegt hatten. Wie oft hatten wir schon neue Batterien gekauft, nur um später drei Packungen im Schrank zu finden? Oder ein neues Ladekabel bestellt, weil das alte irgendwo zwischen Sofa und Sideboard verschwunden war? Mit weniger Besitz hatten wir plötzlich den Überblick. Jedes Ding hatte seinen festen Platz, und wir wussten genau, was wir besaßen. Die monatlichen Ausgaben für „Kleinkram" sanken drastisch – Geld, das wir jetzt für schönere Dinge ausgeben konnten, wie gemeinsame Ausflüge oder ein richtig gutes Olivenöl statt drei mittelmäßige Sorten, die im Schrank vor sich hin oxidierten.

Der Prozess des Aussortierens war allerdings nicht immer einfach, das müssen wir ehrlich zugeben. Besonders schwer fiel es uns bei Geschenken. Die handgetöpferte Vase von Tante Erna, die wir furchtbar fanden, aber die doch von Herzen kam. Der Brotbackautomat von den Schwiegereltern, den wir genau einmal benutzt hatten. Wir entwickelten eine Strategie: Alles, bei dem wir uns unsicher waren, kam erst mal in eine Kiste im Keller. Nach drei Monaten schauten wir noch mal drauf – und siehe da, wir hatten nichts davon vermisst. Die Erkenntnis, dass Erinnerungen nicht in Gegenständen wohnen, sondern in uns selbst, war befreiend. Wir fotografierten einige Dinge, bevor wir sie wegwarfen oder verschenkten, aber selbst diese Fotos haben wir uns seitdem nie wieder angeschaut.

Ein ganz praktischer Vorteil zeigte sich beim Putzen und bei der Instandhaltung unserer Wohnung. Früher verbrachten wir Samstage damit, um Dekoartikel herumzuwischen, Regale auszuräumen und wieder einzuräumen, Teppiche zu saugen, die eigentlich niemand mochte. Jetzt war das Putzen in der Hälfte der Zeit erledigt. Weniger Oberflächen, die Staub fangen, weniger Ecken, in denen sich Wollmäuse verstecken können. Diese gewonnene Zeit investierten wir lieber in Dinge, die uns wirklich wichtig waren – lange Spaziergänge, gemeinsames Kochen oder einfach nur faul auf dem Sofa liegen und ein gutes Buch lesen. Die Zeitersparnis war dabei nur ein Aspekt. Viel wichtiger war das Gefühl, dass unser Zuhause uns nicht mehr beherrschte, sondern wir es.

Interessanterweise veränderte sich durch den Minimalismus auch unser Konsumverhalten grundlegend. Früher kauften wir impulsiv – ein hübsches Kissen hier, eine Duftkerze dort, noch ein Küchengerät, das Wunder verspricht. Jetzt überlegten wir dreimal, ob etwas wirklich in unser Leben passt. Die Frage war nicht mehr „Ist das schön?" oder „Ist das günstig?", sondern „Brauchen wir das wirklich?" und „Macht es unser Leben besser?". Diese Haltung sparte nicht nur Geld, sondern auch Nerven. Keine Reue mehr über Fehlkäufe, kein schlechtes Gewissen wegen ungenutzter Dinge. Wenn wir etwas kauften, dann mit Bedacht und Freude. Qualität statt Quantität wurde unser Mantra, und tatsächlich merkten wir, dass wir mit wenigen, aber hochwertigen Dingen viel zufriedener waren als mit vielen mittelmäßigen.

Die Küche war dabei unser größtes Experimentierfeld. Vorher besaßen wir gefühlt jedes Küchengerät, das je erfunden wurde – vom Eierschneider über den Avocadoentkerner bis zum elektrischen Dosenöffner. Nach unserem Minimalisierungs-Prozess blieben nur die Basics: gute Messer, eine solide Pfanne, zwei Töpfe in verschiedenen Größen, ein Schneidebrett, eine Handvoll Schüsseln. Und wisst ihr was? Wir kochen seitdem viel mehr und kreativer als vorher. Ohne den ganzen Schnickschnack konzentrierten wir uns auf die Grundtechniken, experimentierten mit Gewürzen statt mit Geräten. Der Platz in den Schränken erlaubte es uns, Vorräte übersichtlich zu lagern – plötzlich wussten wir wieder, was wir da hatten, und mussten keine doppelten Gewürze mehr kaufen.

Besonders spannend wurde es, als wir uns an die technischen Geräte wagten. Drei alte Handys in der Schublade, zwei Tablets, von denen eines nicht mehr richtig funktionierte, Kabel für Geräte, die wir längst nicht mehr besaßen – der Elektroschrott hatte sich über die Jahre angesammelt wie Sedimentschichten. Wir brachten alles zum Recyclinghof und behielten nur, was wir aktiv nutzten. Ein Laptop pro Person, ein gemeinsames Tablet für die Couch, unsere Smartphones. Fertig. Die digitale Entrümpelung ging Hand in Hand mit der physischen – alte Dateien wurden gelöscht, Cloud-Speicher aufgeräumt, Apps deinstalliert. Es fühlte sich an, als würde unser ganzes Leben leichter.

Nach einigen Monaten merkten wir, wie sich unsere Prioritäten verschoben hatten. Statt über neue Anschaffungen nachzudenken, planten wir Erlebnisse. Ein Wochenendtrip statt neuer Wohnzimmerdeko, ein Konzertbesuch statt des dritten Streaming-Abos, ein gutes Essen im Lieblingsrestaurant statt noch mehr Kochbücher, die dann doch nur im Regal verstauben. Diese Erlebnisse brachten uns mehr Freude und schweißten uns als Paar enger zusammen als jeder materielle Besitz es je könnte. Und das Beste: Am Ende hatten wir Erinnerungen statt Kram, der irgendwann auf dem Sperrmüll landet.

Ein unerwarteter Nebeneffekt war die Verbesserung unseres Raumklimas – und damit meine ich nicht nur die Atmosphäre. Mit weniger Möbeln und Textilien zirkulierte die Luft besser, die Luftfeuchtigkeit pendelte sich bei angenehmen 40 bis 60 Prozent ein, ohne dass wir ständig lüften mussten. Früher hatten wir im Winter oft Probleme mit zu trockener Luft, besonders wenn die Heizung lief. Die vielen Textilien – Vorhänge, Teppiche, Kissen – hatten Feuchtigkeit aufgenommen und wieder abgegeben, was zu einem ständigen Auf und Ab führte. Jetzt, mit reduzierten Textilien, war das Raumklima stabiler. Wir investierten in ein einfaches Hygrometer und waren erstaunt, wie konstant die Werte blieben. Im Schlafzimmer merkten wir den Unterschied besonders deutlich – weniger Staubansammlungen, bessere Luft, erholsamerer Schlaf.

Apropos Heizung – durch den Minimalismus wurde uns auch bewusst, wie ineffizient wir früher geheizt hatten. Möbel standen vor Heizkörpern, schwere Vorhänge hingen darüber, die Wärme konnte sich gar nicht richtig im Raum verteilen. Als wir aussortiert und umgestellt hatten, merkten wir plötzlich, dass wir die Heizung niedriger drehen konnten und es trotzdem warm war. Die freien Heizkörper gaben ihre Wärme ungehindert ab, die Luftzirkulation war besser. Wir begannen uns mehr mit dem Thema Heizen zu beschäftigen und lernten dabei einiges. Zum Beispiel, dass man Heizkörper regelmäßig entlüften sollte – wenn sie gluckern oder oben kalt bleiben, ist Luft im System. Mit einem Entlüftungsschlüssel für zwei Euro aus dem Baumarkt ist das in fünf Minuten erledigt. Man dreht das kleine Ventil am Heizkörper auf, lässt die Luft entweichen, bis Wasser kommt, fertig. Seitdem machen wir das jeden Herbst vor der Heizsaison, und die Heizkörper werden gleichmäßig warm.

Was uns auch niemand gesagt hatte: Ein hydraulischer Abgleich der Heizungsanlage kann Wunder wirken. Das klingt komplizierter als es ist – dabei wird einfach sichergestellt, dass jeder Heizkörper genau die Wassermenge bekommt, die er braucht. Vorher war es bei uns so, dass das Bad immer zu warm und das Arbeitszimmer immer zu kalt war, egal wie wir die Thermostate einstellten. Der Installateur erklärte uns, dass das Wasser immer den Weg des geringsten Widerstands nimmt und deshalb die nahen Heizkörper mehr abbekommen als die fernen. Nach dem hydraulischen Abgleich – der übrigens oft gefördert wird – war die Wärmeverteilung endlich gleichmäßig. Das sparte nicht nur Energie, sondern verbesserte auch den Wohnkomfort erheblich.

Die Beschäftigung mit der Heizung führte uns auch zum Thema Heizkurve und Absenkzeiten. Früher liefen unsere Heizkörper rund um die Uhr auf derselben Temperatur. Dann lernten wir, dass moderne Heizungssteuerungen die Vorlauftemperatur an die Außentemperatur anpassen können – das ist die Heizkurve. Je kälter es draußen ist, desto heißer macht die Heizung das Wasser. Diese Kurve muss man einmal richtig einstellen, dann läuft alles automatisch optimal. Zusätzlich programmierten wir Absenkzeiten ein: Nachts und wenn wir arbeiten sind, läuft die Heizung auf Sparflamme. Eine halbe Stunde bevor wir aufstehen oder heimkommen, springt sie wieder an. Das spart locker 15 bis 20 Prozent Heizkosten, ohne dass wir frieren müssen.

Durch den Minimalismus hatten wir auch weniger Staubfänger in der Wohnung, was sich positiv auf die Luftqualität auswirkte. Früher mussten wir ständig Staub wischen, besonders von den ganzen Deko-Objekten und offenen Regalen. Jetzt, mit geschlossenen Schränken und weniger Krimskrams, war die Staubbelastung deutlich geringer. Das merkten wir besonders in der Heizperiode, wenn die Luft ohnehin trockener ist und Staub mehr aufwirbelt. Die optimale Luftfeuchtigkeit von 40 bis 60 Prozent zu halten wurde einfacher, weil weniger Textilien und Gegenstände die Feuchtigkeit speicherten oder abgaben. Wir stellten ein paar Zimmerpflanzen auf – die sehen nicht nur schön aus, sondern verbessern auch das Raumklima auf natürliche Weise.

Ein Thema, das uns anfangs Kopfzerbrechen bereitete, waren die Fenster. Sollten wir die schweren Vorhänge behalten oder nicht? Sie waren teuer gewesen und eigentlich noch gut. Aber sie passten nicht mehr zu unserem neuen, luftigeren Lebensstil. Schließlich entschieden wir uns für einen Kompromiss: In den Schlafzimmern behielten wir Vorhänge, aber leichtere, die wir regelmäßig waschen. Im Wohnbereich ersetzten wir sie durch simple Rollläden. Die haben mehrere Vorteile: Sie isolieren im Winter besser als Vorhänge, weil sie einen Luftpolster vor dem Fenster bilden. Im Sommer halten sie die Hitze draußen, wenn man sie tagsüber unten lässt. Und sie sammeln kaum Staub. Die alten, schweren Vorhänge verkauften wir online – es gibt tatsächlich einen Markt für sowas, und wir bekamen noch einen ordentlichen Preis dafür.

Bei den Teppichen waren wir radikaler. Bis auf einen schönen Wollteppich im Wohnzimmer, den wir beide liebten, flogen alle raus. Die Auslegeware im Schlafzimmer, die Läufer im Flur, die Badezimmerteppiche – alles weg. Stattdessen legten wir Wert auf schöne Holzböden, die wir vorher unter all den Teppichen versteckt hatten. Die sind nicht nur hygienischer und leichter zu reinigen, sie regulieren auch das Raumklima besser. Holz kann Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben, ohne dabei zu schimmeln wie manche Teppiche. Im Winter laufen wir mit dicken Wollsocken rum, das ist gemütlicher als jeder Teppich. Und wenn uns die Füße doch mal kalt werden, kuscheln wir uns einfach unter eine Decke auf dem Sofa – eine schöne Wolldecke, die wir uns von dem Geld gekauft haben, das wir durch den Verkauf der alten Sachen eingenommen hatten.

Was uns besonders begeisterte, war, wie viel kreativer wir mit weniger wurden. Früher hatten wir für jede Situation das „richtige" Werkzeug oder Gerät. Jetzt improvisierten wir mehr und merkten, dass das oft sogar besser funktionierte. Ein gutes Küchenmesser ersetzt zwanzig Spezialgeräte, wenn man weiß, wie man es benutzt. Ein schöner Schal kann Tischläufer, Dekotuch oder Picknickdecke sein. Eine große Holzschüssel dient als Obstschale, Salatschüssel oder Brotkorb. Diese Vielseitigkeit macht Spaß und spart nicht nur Platz, sondern regt auch die Kreativität an. Wir wurden erfinderischer, flexibler und merkten, dass die meisten „Probleme", für die es Spezialprodukte gibt, gar keine echten Probleme sind.

Die sozialen Reaktionen auf unseren minimalistischeren Lebensstil waren gemischt und oft überraschend. Manche Freunde waren begeistert und wollten sofort Tipps, andere schauten skeptisch und meinten, unsere Wohnung sähe jetzt so „leer" aus. Dabei ist sie gar nicht leer – sie ist nur nicht mehr vollgestopft. Jedes Möbelstück, jedes Bild an der Wand, jede Pflanze hat seinen Platz und seinen Grund, da zu sein. Nichts ist da, nur weil „man das so hat" oder weil „da noch Platz war". Diese Intentionalität macht unser Zuhause zu einem echten Rückzugsort, nicht zu einem Lagerraum für Konsumgüter. Besuch sagt oft, wie ruhig und entspannend es bei uns sei. Das liegt nicht daran, dass wir besonders tolle Entspannungsmusik laufen hätten, sondern einfach an der Klarheit und Ruhe, die weniger Besitz ausstrahlt.

Finanziell hat sich der Minimalismus mehr gelohnt, als wir anfangs dachten. Nicht nur sparten wir Geld, weil wir weniger kauften. Wir verkauften auch viele der aussortierten Sachen online oder auf Flohmärkten. Designer-Klamotten, die wir nie trugen, Elektronik, die noch funktionierte, Küchengeräte in OVP – das summierte sich. Mit dem Erlös gönnten wir uns einen lange ersehnten Urlaub. Aber der größte finanzielle Vorteil war die mentale Befreiung vom Konsumzwang. Wir mussten nicht mehr jeden Sale mitnehmen, nicht mehr bei jeder Rabattaktion zuschlagen. Wenn wir etwas kauften, dann bewusst und mit Freude, nicht aus einem diffusen Gefühl heraus, etwas zu „brauchen" oder zu verpassen.

Die Wartung und Pflege unserer verbleibenden Besitztümer wurde zu einem fast meditativen Ritual. Statt ständig kaputte Billigware zu ersetzen, pflegten wir die hochwertigen Stücke, die wir behalten hatten. Die Lederschuhe wurden regelmäßig gepflegt, die gusseiserne Pfanne ordentlich eingebrannt und geölt, die Wollpullover richtig gewaschen und gelagert. Diese Pflege-Rituale wurden zu kleinen Inseln der Achtsamkeit im Alltag. Es macht einen Unterschied, ob man schnell irgendwas wegschmeißt und neu kauft, oder ob man sich Zeit nimmt, etwas zu pflegen und zu erhalten. Diese Wertschätzung für Dinge veränderte auch unsere Einstellung zu anderen Lebensbereichen.

Im Laufe der Zeit merkten wir, dass Minimalismus nicht bedeutet, auf einem bestimmten Level stehenzubleiben. Es ist ein fortlaufender Prozess, eine Haltung, die sich entwickelt. Anfangs ging es uns hauptsächlich ums Ausmisten und Platzschaffen. Dann merkten wir die finanziellen Vorteile. Später kam die Erkenntnis über die gewonnene Zeit und mentale Energie. Und schließlich verstanden wir, dass es eigentlich um Freiheit geht – die Freiheit, nicht von Dingen besessen zu werden, die Freiheit, spontan zu sein, die Freiheit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Diese Freiheit ist unbezahlbar und macht glücklicher als jeder Besitz es könnte.

Einen interessanten Effekt hatte der Minimalismus auch auf unsere Beziehung. Mit weniger Ablenkung durch Kram hatten wir mehr Zeit und Aufmerksamkeit füreinander. Statt stundenlang durch Online-Shops zu scrollen oder das Chaos zu managen, saßen wir öfter zusammen, redeten, kochten gemeinsam, unternahmen Spaziergänge. Die Diskussionen über „Wer räumt auf?" oder „Wo ist das hingekommen?" wurden seltener. Unsere Wohnung wurde zu einem friedlicheren Ort, was sich direkt auf unsere Stimmung auswirkte. Weniger Stress durch Unordnung bedeutete mehr Energie für die schönen Dinge im Leben.

Was die Nachhaltigkeit angeht, so war das anfangs gar nicht unser Hauptziel, wurde aber zu einem schönen Nebeneffekt. Weniger Konsum bedeutet weniger Ressourcenverbrauch, weniger Müll, weniger Umweltbelastung. Wir kauften seltener, dafür bewusster – wenn möglich lokal, fair produziert, langlebig. Reparieren statt wegwerfen wurde zur Gewohnheit. Der Schuster um die Ecke kennt uns mittlerweile beim Namen, und der Änderungsschneider freut sich über unsere Aufträge. Diese lokalen Handwerker zu unterstützen fühlt sich gut an und ist oft günstiger als Neukauf. Plus: Die Sachen passen danach perfekt und halten länger.

Der Minimalismus veränderte auch unseren Umgang mit digitalen Medien. Vorher hatten wir drei Streaming-Abos, von denen wir nur eines regelmäßig nutzten. Unzählige Apps auf dem Handy, Newsletter-Abos, die wir nie lasen, Social-Media-Accounts, die nur Zeit fraßen. Wir entrümpelten auch digital: Kündigten überflüssige Abos, löschten Apps, meldeten uns von Newslettern ab. Das digitale Rauschen wurde leiser, und wir hatten wieder mehr Fokus für die Dinge, die uns wirklich interessierten. Statt durch Instagram zu scrollen, lasen wir wieder richtige Bücher – die wir übrigens aus der Bibliothek liehen statt zu kaufen.

Die Feiertage und Geburtstage gestalteten sich mit unserem neuen Mindset auch anders. Statt materieller Geschenke schenkten wir uns Zeit miteinander – ein schönes Essen, einen Ausflug, einen Theaterbesuch. Bei Familie und Freunden kommunizierten wir offen, dass wir keine Staubfänger mehr wollten. Anfangs gab es Irritationen, aber mittlerweile haben sich alle daran gewöhnt. Manche haben sogar selbst damit angefangen, weniger Kram zu verschenken. Die Qualität der gemeinsamen Zeit hat sich verbessert, weil es nicht mehr darum geht, möglichst viele Päckchen unterm Baum zu haben, sondern wirklich beisammen zu sein.

Natürlich gab es auch Momente des Zweifels. Manchmal vermissten wir etwas, das wir weggegeben hatten. Die Küchenmaschine zum Beispiel, die hätte jetzt gerade... Aber dann erinnerten wir uns daran, dass wir sie in drei Jahren nur zweimal benutzt hatten. Und dass wir den Teig auch mit der Hand kneten konnten – was sogar meditativ war und Spaß machte. Diese kleinen „Verluste" waren nichts im Vergleich zu dem, was wir gewonnen hatten: Platz, Zeit, Geld und vor allem mentale Klarheit. Die Fähigkeit, zwischen echten Bedürfnissen und künstlich erzeugten Wünschen zu unterscheiden, war vielleicht der größte Gewinn.

Unsere Energiekosten sanken übrigens deutlich, was wir anfangs gar nicht auf dem Schirm hatten. Weniger elektrische Geräte bedeuteten weniger Stromverbrauch. Die bessere Raumaufteilung und freie Heizkörper senkten die Heizkosten. Sogar die Wasserrechnung wurde kleiner, weil wir nicht mehr ständig irgendwelche Deko-Gegenstände abwaschen mussten. Diese Ersparnisse summierten sich übers Jahr zu einem netten Sümmchen, das wir lieber in Erlebnisse oder hochwertige Lebensmittel investierten als in weiteren Kram. Es ist schon verrückt, wie viel Geld man ausgibt, um Dinge zu kaufen, zu lagern, zu pflegen und wieder loszuwerden.

Mittlerweile ist es über ein Jahr her, seit wir mit der Küchenschublade angefangen haben, und wir bereuen nichts. Im Gegenteil – wir fragen uns, warum wir nicht schon früher damit angefangen haben. Die Angst, etwas zu verpassen oder zu brauchen, war völlig unbegründet. In der Realität vermissen wir nichts von dem, was wir weggegeben haben. Stattdessen genießen wir die Leichtigkeit, die Klarheit, die Freiheit. Unser Zuhause ist zu einem echten Rückzugsort geworden, nicht zu einem Lager für Konsumgüter. Und das Beste: Wir haben mehr Zeit, Energie und Geld für die Dinge, die uns wirklich wichtig sind.

Der Weg zum minimalistischeren Leben war für uns auch eine Reise zu uns selbst. Wir mussten uns fragen: Wer sind wir ohne all den Besitz? Was macht uns aus? Was ist uns wirklich wichtig? Diese Fragen zu beantworten war manchmal unbequem, aber immer erhellend. Wir erkannten, dass viele unserer Besitztümer Projektionen waren – wer wir gerne wären, aber nicht sind. Die Sportgeräte des fitten Ichs, das nie existierte. Die Backformen des häuslichen Ichs, das lieber essen geht. Diese Ehrlichkeit uns selbst gegenüber war befreiend. Wir akzeptierten, wer wir sind, statt ständig zu versuchen, jemand anderes zu werden.

Wenn wir heute an unserem Küchentisch sitzen – immer noch derselbe, nur ohne den ganzen Kram drumherum – und auf das letzte Jahr zurückblicken, sind wir dankbar für diese Entwicklung. Der Minimalismus hat uns nicht ärmer gemacht, sondern reicher. Reicher an Zeit, an Erfahrungen, an Klarheit. Die Wohnung atmet, wir atmen, das Leben fließt leichter. Klar, manchmal lachen wir über unseren eigenen Eifer, wenn wir schon wieder überlegen, ob wir nicht noch dies oder das aussortieren könnten. Aber meistens genießen wir einfach die Ruhe und Klarheit, die weniger Besitz mit sich bringt.

Falls ihr jetzt Lust bekommen habt, selbst mal auszumisten, fangt klein an. Eine Schublade, ein Regal, eine Ecke. Schaut, was ihr wirklich braucht und was nur Ballast ist. Und dann: traut euch. Die Freiheit, die auf der anderen Seite wartet, ist jede ausgemistete Kiste wert. Wir würden jedenfalls nie wieder zurück in unser altes, vollgestopftes Leben wollen. Weniger ist nicht nur mehr – weniger ist freier, leichter, schöner.

Für weitere Geschichten aus unserem Alltag, Tipps zum bewussten Leben und ehrliche Einblicke in unsere Erfolge und Misserfolge beim Vereinfachen schaut gerne wieder bei uns vorbei. Nächste Woche erzählen wir euch, wie wir unseren Garten minimalistisch gestaltet haben – spoiler: weniger Arbeit, mehr Natur, und die Bienen lieben es. Bis dahin, bleibt neugierig und habt Mut zur Lücke!