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Wohnen & Alltagstipps

MHD abgelaufen? Darum sind 90 % der Lebensmittel trotzdem noch gut

by Winterberg 2025. 10. 9.

An einem verregneten Sonntagmorgen saßen wir wieder einmal vor unserem Kühlschrank und starrten auf einen Joghurt, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum bereits drei Tage überschritten war. „Wegwerfen oder essen?", fragte meine Frau skeptisch, während sie das Glas in der Hand drehte. Diese Szene kennen wir mittlerweile nur zu gut – und wie wir festgestellt haben, geht es vielen unserer Leser genauso. Was als simple Frage beim Frühstück begann, entwickelte sich zu einer monatelangen Recherche über Haltbarkeitsdaten, die unser komplettes Einkaufsverhalten verändert hat.

Ganz ehrlich, am Anfang wussten wir das nicht einmal selbst so genau: Der Unterschied zwischen Mindesthaltbarkeitsdatum und Verbrauchsdatum ist fundamental, wird aber von den meisten Menschen komplett missverstanden. Als wir vor etwa einem Jahr anfingen, uns intensiver mit dem Thema zu beschäftigen, waren wir schockiert darüber, wie viele noch genießbare Lebensmittel wir über die Jahre weggeworfen hatten. Der Auslöser war ein Gespräch mit unserem Nachbarn Klaus, einem pensionierten Lebensmittelchemiker, der uns beim gemeinsamen Grillen erzählte, dass er regelmäßig Produkte isst, deren MHD schon Wochen zurückliegt. „Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass ein Reis oder eine Packung Nudeln genau an dem aufgedruckten Tag schlecht wird?", fragte er schmunzelnd und biss genüsslich in sein Würstchen.

In den ersten Wochen unseres Selbstversuchs führten wir akribisch Buch über jedes Lebensmittel, das wir normalerweise weggeworfen hätten. Die Liste war erschreckend lang: Marmelade, deren MHD zwei Monate überschritten war, Konservendosen aus dem hintersten Eck des Vorratsschranks, Gewürze, die schon seit Jahren dort standen. Wir probierten alles systematisch durch – natürlich mit der gebotenen Vorsicht und nach gründlicher Prüfung. Das Ergebnis: Von 47 Produkten, die wir normalerweise entsorgt hätten, waren 44 noch vollkommen in Ordnung. Nur bei drei Produkten – interessanterweise alles Milchprodukte – stellten wir tatsächlich Veränderungen in Geschmack oder Konsistenz fest.

Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist im Grunde nichts anderes als ein Versprechen des Herstellers. Bis zu diesem Datum garantiert er, dass sein Produkt bei sachgemäßer Lagerung seine spezifischen Eigenschaften behält – also Geschmack, Konsistenz, Farbe, Nährwerte und Geruch. Nach diesem Datum haftet der Hersteller nicht mehr für die Qualität, was aber keineswegs bedeutet, dass das Produkt verdorben oder gesundheitsschädlich ist. Tatsächlich sind die meisten Produkte noch Wochen, Monate oder sogar Jahre darüber hinaus problemlos genießbar. Wir haben mittlerweile eine ganze Sammlung von „Rekordhaltern": Unser ältestes noch verzehrtes Produkt war eine Dose Tomatenmark, deren MHD ganze drei Jahre zurücklag. Der Geschmack war völlig normal, die Konsistenz unverändert.

Später haben wir gemerkt, dass die Lebensmittelindustrie beim MHD oft sehr konservativ kalkuliert. Ein Hersteller hat naturgemäß kein Interesse daran, dass Kunden schlechte Erfahrungen mit seinen Produkten machen. Deshalb wird das MHD meist so gewählt, dass auch unter ungünstigen Bedingungen – etwa wenn die Kühlkette kurzzeitig unterbrochen wird oder das Produkt nicht optimal gelagert wird – noch ein großzügiger Sicherheitspuffer besteht. Ein Mitarbeiter eines großen Lebensmittelkonzerns, den wir auf einer Messe kennenlernten, bestätigte uns das inoffiziell: „Wir setzen das MHD oft bei 70 Prozent der tatsächlichen Haltbarkeit an. Bei manchen Produkten sogar noch konservativer."

Das Verbrauchsdatum hingegen ist eine völlig andere Kategorie. Es findet sich ausschließlich auf leicht verderblichen Lebensmitteln wie frischem Hackfleisch, Geflügel, Fisch oder bestimmten Fertiggerichten. Hier geht es nicht mehr nur um Qualität, sondern um Sicherheit. Nach Ablauf des Verbrauchsdatums können sich gesundheitsgefährdende Keime gebildet haben, die man weder sehen noch riechen kann. „Zu verbrauchen bis" bedeutet wirklich: danach Finger weg! Wir haben das einmal – natürlich unabsichtlich – am eigenen Leib erfahren müssen. Ein Stück Hähnchenbrust, das nur einen Tag über dem Verbrauchsdatum lag und optisch noch völlig in Ordnung aussah, bescherte uns beide eine äußerst unangenehme Nacht mit Magenkrämpfen und anderen Symptomen, die ich hier nicht näher ausführen möchte.

Als wir unsere Erkenntnisse mit Freunden und Familie teilten, stießen wir auf erstaunlich viel Unwissen, aber auch auf große Neugier. Meine Schwägerin Petra, die mit ihrer fünfköpfigen Familie monatlich mehrere hundert Euro für Lebensmittel ausgibt, war besonders interessiert. „Wenn ich wirklich so viel weniger wegwerfen könnte, wäre das eine enorme Ersparnis", meinte sie. Gemeinsam gingen wir ihren Kühlschrank und ihre Vorratskammer durch. Das Ergebnis war verblüffend: Von geschätzt 300 Euro an Lebensmitteln, die sie in den nächsten Tagen entsorgen wollte, waren mindestens 250 Euro noch völlig in Ordnung.

Die rechtliche Situation in Deutschland ist dabei eindeutig geregelt. Die Lebensmittelinformationsverordnung der EU schreibt vor, dass alle vorverpackten Lebensmittel ein Mindesthaltbarkeitsdatum tragen müssen – mit wenigen Ausnahmen wie frischem Obst und Gemüse, Wein, Essig, Salz, Zucker oder Kaugummi. Das Verbrauchsdatum ist hingegen nur bei mikrobiologisch besonders leicht verderblichen Lebensmitteln vorgeschrieben. Interessanterweise gibt es auch Produkte, bei denen gar kein Datum angegeben werden muss, etwa bei alkoholischen Getränken mit mehr als 10 Volumenprozent Alkohol.

In unserer Küche haben wir mittlerweile ein System entwickelt, das uns hilft, den Überblick zu behalten. Produkte, deren MHD bald abläuft, kommen in ein spezielles Fach im Kühlschrank oder einen bestimmten Bereich in der Vorratskammer. So sehen wir auf einen Blick, was als Nächstes verbraucht werden sollte. Außerdem führen wir eine Liste mit unseren persönlichen Erfahrungswerten:

Produktkategorie Haltbarkeit über MHD hinaus Prüfmethode Unsere Erfahrung
Joghurt 2-3 Wochen Geruch, Konsistenz, kleiner Geschmackstest Meist sogar länger haltbar, säuerlicher Geschmack entwickelt sich langsam
Hartkäse 4-8 Wochen Optik (Schimmel?), Geruch Oft bildet sich nur Oberflächenschimmel, der abgeschnitten werden kann
Eier 2-3 Wochen Wassertest: sinkt = gut, schwimmt = schlecht Gekühlt deutlich länger haltbar als ungekühlt
Nudeln (trocken) Jahre Optik, Geruch nach dem Kochen Praktisch unbegrenzt haltbar bei trockener Lagerung
Konserven 2-5 Jahre Dose unbeschädigt? Inhalt normal? Meist viel länger haltbar, Qualität lässt langsam nach
Marmelade 6-12 Monate Schimmel? Gärung? Mit hohem Zuckergehalt fast unbegrenzt haltbar
Gewürze 1-2 Jahre Aroma noch vorhanden? Verlieren Aroma, werden aber nicht schlecht
Schokolade 6-12 Monate Weißer Belag ist nur Fettreif Geschmacklich oft noch Jahre genießbar

Besonders fasziniert hat uns die Geschichte der Haltbarkeitsdaten an sich. Das MHD wurde in Deutschland erst 1981 eingeführt, davor gab es gar keine verpflichtende Kennzeichnung. Unsere Großeltern haben sich jahrhundertelang auf ihre Sinne verlassen – schauen, riechen, schmecken. Diese Fähigkeiten haben viele von uns komplett verlernt. Wir verlassen uns blind auf aufgedruckte Daten, statt unseren eigenen Sinnen zu vertrauen. Dabei ist die sensorische Prüfung nach wie vor die zuverlässigste Methode, um die Genießbarkeit eines Lebensmittels zu beurteilen.

Ein besonders eindrückliches Erlebnis hatten wir bei einem Besuch auf einem Bauernhof in der Nähe. Die Bäuerin, Frau Holzmann, zeigte uns ihre Vorratskammer, in der sie selbst eingekochte Marmeladen, eingelegte Gurken und andere Konserven lagert – teilweise seit Jahren. „Das MHD ist für uns Bauern ein Witz", sagte sie lachend. „Meine Großmutter hat noch Sauerkraut in Fässern gelagert, das jahrelang haltbar war. Heute werfen die Leute ein Glas Gurken weg, nur weil ein Datum draufsteht." Sie öffnete ein Glas Pflaumenmus von 2019, ließ uns probieren – es schmeckte himmlisch.

Die ökologischen Auswirkungen der Lebensmittelverschwendung sind dabei enorm. In Deutschland landen jährlich etwa 12 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll, davon stammen 52 Prozent aus privaten Haushalten. Das entspricht etwa 75 Kilogramm pro Person und Jahr. Viele dieser Lebensmittel werden entsorgt, weil das MHD überschritten ist, obwohl sie noch völlig in Ordnung wären. Die Produktion dieser verschwendeten Lebensmittel verbraucht unnötig Ressourcen: Wasser, Energie, Ackerfläche, Düngemittel. Gleichzeitig entstehen bei der Entsorgung weitere Umweltbelastungen.

Mittlerweile haben wir unseren Lebensmitteleinkauf komplett umgestellt. Wir kaufen bewusster ein, planen Mahlzeiten voraus und haben gelernt, kreativ mit Resten umzugehen. Was früher im Müll gelandet wäre, wird heute zu leckeren Aufläufen, Suppen oder Smoothies verarbeitet. Besonders stolz sind wir auf unsere „Resteverwertungs-Sonntage", an denen wir aus allem, was weg muss, ein mehrgängiges Menü zaubern. Letzte Woche gab es zum Beispiel eine Vorspeise aus altem Brot (Bruschetta), eine Hauptspeise aus verschiedenen Gemüseresten (Curry) und zum Dessert einen Kuchen aus überreifen Bananen.

Die psychologischen Aspekte der Haltbarkeitsdaten haben uns ebenfalls beschäftigt. Warum fällt es uns so schwer, ein Produkt zu essen, dessen MHD überschritten ist, selbst wenn wir rational wissen, dass es noch gut ist? Ein befreundeter Psychologe erklärte uns, dass es sich um eine Art konditionierte Angstreaktion handelt. Wir haben gelernt, dass „abgelaufen" gleichbedeutend mit „gefährlich" ist. Diese Verknüpfung zu durchbrechen, erfordert bewusste Anstrengung und positive Erfahrungen.

Bei unseren Recherchen sind wir auch auf interessante internationale Unterschiede gestoßen. In den USA gibt es zum Beispiel kein einheitliches System für Haltbarkeitsdaten. Verschiedene Bundesstaaten haben unterschiedliche Regelungen, und viele Produkte tragen Bezeichnungen wie „Best if used by" oder „Sell by", die für Verbraucher oft verwirrend sind. In Frankreich hingegen wurde 2023 ein neues Label eingeführt: „Souvent bon après" (Oft noch gut nach), das Verbraucher ermutigen soll, Produkte nach dem MHD zu prüfen statt sie wegzuwerfen.

Ein spannendes Experiment führten wir mit unseren Nachbarskindern durch. Wir organisierten eine Blindverkostung mit verschiedenen Joghurts – manche frisch gekauft, andere mit abgelaufenem MHD. Die Kinder sollten raten, welcher Joghurt der „alte" war. Das Ergebnis: In 8 von 10 Fällen lagen sie falsch. Der Joghurt, der zwei Wochen über dem MHD war, wurde sogar als der „frischeste" eingestuft. Die Kinder waren verblüfft und ihre Eltern nachdenklich.

Besonders kritisch sehen wir mittlerweile die Rolle des Handels. Supermärkte sortieren Produkte oft schon Tage vor Ablauf des MHD aus, obwohl sie noch problemlos verkäuflich wären. Ein Filialleiter eines großen Discounters erzählte uns vertraulich, dass sie Anweisung haben, Produkte spätestens drei Tage vor MHD-Ablauf aus den Regalen zu nehmen. „Die Kunden wollen das so", behauptete er. „Niemand kauft einen Joghurt, der morgen abläuft." Dabei zeigen Studien, dass viele Verbraucher durchaus bereit wären, reduzierte Ware kurz vor MHD-Ablauf zu kaufen.

In den letzten Monaten haben wir auch verschiedene Apps getestet, die helfen sollen, Lebensmittelverschwendung zu reduzieren. „Too Good To Go" vermittelt überschüssige Lebensmittel von Restaurants und Geschäften zu reduzierten Preisen. „Zu gut für die Tonne" vom Bundesministerium für Ernährung gibt Tipps zur Resteverwertung. Und mit „Foodsharing" kann man überschüssige Lebensmittel mit anderen teilen. Alle diese Initiativen sind lobenswert, aber sie bekämpfen nur die Symptome, nicht die Ursache des Problems.

Die Lebensmittelindustrie experimentiert derweil mit neuen Technologien, um die Haltbarkeit zu verlängern und besser zu überwachen. Intelligente Verpackungen mit Sensoren, die den tatsächlichen Zustand des Produkts anzeigen, sind bereits in der Entwicklung. Time-Temperature-Indicators (TTI) können anzeigen, ob die Kühlkette unterbrochen wurde. Und antimikrobielle Beschichtungen könnten die Haltbarkeit vieler Produkte deutlich verlängern. Doch all diese Innovationen lösen das Grundproblem nicht: unser mangelndes Vertrauen in unsere eigenen Sinne.

Unsere persönliche Bilanz nach einem Jahr bewusstem Umgang mit Haltbarkeitsdaten ist beeindruckend. Wir haben unsere Lebensmittelabfälle um geschätzte 70 Prozent reduziert. Das bedeutet nicht nur eine jährliche Ersparnis von etwa 800 Euro, sondern auch ein deutlich besseres Gewissen. Wir haben gelernt, Lebensmittel wieder wertzuschätzen und kreativ mit dem umzugehen, was wir haben.

Ein lustiges Erlebnis hatten wir kürzlich beim Abendessen mit Freunden. Wir servierten einen Käse, dessen MHD schon zwei Monate zurücklag. Als alle begeistert waren, wie gut er schmeckt, und nach der Bezugsquelle fragten, klärten wir sie auf. Die Reaktionen reichten von Erstaunen über Skepsis bis zu regelrechter Empörung. „Ihr hättet uns warnen müssen!", rief eine Freundin. Doch als wir fragten, ob sie sich unwohl fühle oder der Käse nicht geschmeckt habe, musste sie verneinen. Es war ausschließlich die psychologische Barriere, die sie störte.

Die gesellschaftliche Dimension des Themas ist nicht zu unterschätzen. In einer Welt, in der Millionen Menschen hungern, werfen wir in den Industrieländern tonnenweise genießbare Lebensmittel weg. Das ist nicht nur ökologisch und ökonomisch unsinnig, sondern auch ethisch fragwürdig. Wir haben angefangen, überschüssige Lebensmittel, deren MHD bald abläuft, an die lokale Tafel zu spenden. Dort freut man sich über jede Spende und hat – im Gegensatz zu vielen Privatpersonen – kein Problem mit Produkten kurz vor oder nach MHD-Ablauf.

Auch in der Gastronomie tut sich einiges. Immer mehr Restaurants setzen auf „Zero Waste"-Konzepte und verwerten konsequent alle Lebensmittel. Ein Sternekoch aus unserer Region erzählte uns, dass er bewusst mit „alten" Produkten arbeitet. „Ein gereifter Käse, eine fermentierte Sauce – das sind Produkte, die ihre beste Zeit hinter dem MHD haben", erklärt er. „Die Angst vor abgelaufenen Lebensmitteln ist in vielen Fällen völlig unbegründet und verhindert kulinarische Entdeckungen."

Ein wichtiger Aspekt, der oft übersehen wird, ist die richtige Lagerung. Viele Lebensmittel verderben schneller als nötig, weil sie falsch gelagert werden. Tomaten gehören nicht in den Kühlschrank, Bananen nicht neben Äpfel, Brot nicht in Plastik. Wir haben eine komplette Liste erstellt, wie verschiedene Lebensmittel optimal gelagert werden. Seitdem halten unsere Einkäufe deutlich länger. Kartoffeln lagern wir dunkel und kühl im Keller, Zwiebeln getrennt davon in einem luftigen Korb. Kräuter stellen wir wie Blumen in ein Glas Wasser. Und Käse wickeln wir in Käsepapier statt in Plastikfolie.

Der kulturelle Wandel im Umgang mit Lebensmitteln ist deutlich spürbar. Während unsere Großeltern noch jeden Brotkrümel verwerteten, leben wir in einer Überflussgesellschaft, in der Wegwerfen normal geworden ist. Doch langsam findet ein Umdenken statt. Begriffe wie „Containern" oder „Dumpster Diving" – das Retten von Lebensmitteln aus Supermarkt-Mülltonnen – sind keine Randerscheinungen mehr. In einigen Ländern wie Frankreich ist es Supermärkten sogar gesetzlich verboten, genießbare Lebensmittel wegzuwerfen.

Besonders beeindruckt hat uns die Initiative eines lokalen Supermarkts, der eine „Ecke für Zweite-Chancen-Produkte" eingerichtet hat. Dort werden Lebensmittel kurz vor oder nach MHD-Ablauf zu stark reduzierten Preisen angeboten. Der Marktleiter erzählte uns, dass diese Ecke zu den umsatzstärksten Bereichen des Ladens gehört. „Die Kunden haben verstanden, dass sie hier Schnäppchen machen und gleichzeitig etwas Gutes tun können", sagt er stolz.

Natürlich gibt es auch Grenzen des Machbaren. Bei bestimmten Produkten sind wir nach wie vor vorsichtig. Roher Fisch, Hackfleisch oder Produkte mit rohen Eiern verzehren wir nicht mehr nach Ablauf des Verbrauchsdatums. Auch bei Babynahrung machen wir keine Experimente. Und wenn ein Produkt offensichtliche Anzeichen von Verderb zeigt – Schimmel, Gärung, übler Geruch – dann landet es selbstverständlich im Müll. Aber das sind Ausnahmen. Die große Mehrheit der Lebensmittel, die wir früher weggeworfen hätten, verzehren wir heute ohne Bedenken.

Ein interessantes Phänomen haben wir bei uns selbst beobachtet: Je mehr wir uns mit dem Thema beschäftigen, desto sensibler werden unsere Sinne wieder. Wir können mittlerweile sehr genau einschätzen, ob ein Lebensmittel noch gut ist oder nicht. Der Geruchssinn ist dabei besonders wichtig. Ein leicht säuerlicher Geruch bei Milchprodukten? Noch okay für Backwaren. Ein muffiger Geruch bei Nüssen? Ab in den Müll, hier könnten sich Aflatoxine gebildet haben. Diese Fähigkeiten haben wir über Monate entwickelt und verfeinert.

Die wissenschaftliche Grundlage der Haltbarkeit ist komplex. Verschiedene Faktoren beeinflussen, wie schnell ein Lebensmittel verdirbt: Wassergehalt, pH-Wert, Nährstoffzusammensetzung, Verpackung, Lagertemperatur, Luftfeuchtigkeit und vieles mehr. Mikroorganismen wie Bakterien, Hefen und Schimmelpilze sind die Hauptverursacher von Verderb. Aber nicht alle sind gefährlich. Viele sind sogar erwünscht – man denke nur an Käse, Joghurt oder Sauerkraut. Die Kunst ist es, die guten von den schlechten zu unterscheiden.

Wir haben auch gelernt, dass verschiedene Verderbnisarten unterschiedlich zu bewerten sind. Oxidation zum Beispiel, die bei Fetten zur Ranzigkeit führt, ist unangenehm im Geschmack, aber nicht gesundheitsgefährdend. Enzymatische Bräunung bei Äpfeln oder Bananen ist rein optisch. Gefährlich wird es erst bei pathogenen Keimen, die Toxine bilden können. Diese sind aber hauptsächlich bei leicht verderblichen Produkten mit Verbrauchsdatum relevant.

Zum Abschluss unserer Erfahrungen möchten wir noch von unserem größten „Coup" berichten. Bei einer Haushaltsauflösung fanden wir im Keller dutzende Konserven aus den 1990er Jahren. Erbsensuppe von 1994, Ravioli von 1997, eingelegte Gurken von 1995. Die meisten Menschen hätten alles sofort entsorgt. Wir prüften jede einzelne Dose. Solange sie nicht aufgebläht oder beschädigt waren, öffneten wir sie vorsichtig. Das Erstaunliche: Bis auf zwei Dosen, deren Inhalt verfärbt war, war alles noch genießbar. Geschmacklich nicht mehr top, aber definitiv nicht verdorben. Es war wie eine Zeitreise in die Vergangenheit der Lebensmitteltechnologie.

Viele Leser haben uns gefragt, ob wir keine Angst vor Lebensmittelvergiftungen haben, wenn wir Produkte nach dem MHD verzehren. Diese Sorge können wir gut nachvollziehen, schließlich wurden wir alle jahrzehntelang darauf konditioniert, abgelaufene Lebensmittel als gefährlich anzusehen. Unsere Antwort ist differenziert: Bei Produkten mit Mindesthaltbarkeitsdatum haben wir in über einem Jahr Selbstversuch nicht eine einzige negative Erfahrung gemacht – vorausgesetzt, wir haben unsere Sinne eingesetzt. Wir prüfen immer zuerst optisch, ob sich Schimmel gebildet hat oder die Verpackung aufgebläht ist. Dann kommt der Geruchstest, und wenn beides unauffällig ist, probieren wir eine kleine Menge. Schmeckt es normal, verzehren wir es ohne Bedenken. Bei Produkten mit Verbrauchsdatum hingegen sind wir strikt – hier machen wir keine Ausnahmen. Diese Unterscheidung ist essentiell, und wir erklären sie auch immer wieder unseren Freunden und Bekannten. Das Risiko einer echten Lebensmittelvergiftung besteht eigentlich nur bei leicht verderblichen Produkten wie rohem Fleisch, Fisch oder Produkten mit rohen Eiern, und diese tragen aus gutem Grund ein Verbrauchsdatum statt eines MHD.

Eine weitere typische Frage war, wie wir es schaffen, den Überblick über all unsere Vorräte zu behalten und nichts zu vergessen. Anfangs war das tatsächlich eine Herausforderung, besonders in unserer chaotischen Vorratskammer. Mittlerweile haben wir ein dreistufiges System entwickelt, das wunderbar funktioniert. Erstens haben wir alle Schränke und Fächer nach dem First-in-first-out-Prinzip organisiert – neue Produkte kommen nach hinten, ältere nach vorne. Zweitens führen wir eine simple Excel-Liste auf dem Tablet in der Küche, in die wir größere Einkäufe eintragen und abhaken, was verbraucht wurde. Das klingt aufwendiger als es ist, nach ein paar Wochen wird es zur Routine. Drittens haben wir uns angewöhnt, einmal pro Woche einen „Inventur-Blick" in alle Schränke und den Kühlschrank zu werfen. Dabei entdecken wir oft vergessene Schätze, die dann in der kommenden Woche eingeplant werden. Besonders hilfreich ist auch unser „Bald-weg-muss-Korb" im Kühlschrank, in den alle Produkte kommen, die in den nächsten Tagen verbraucht werden sollten. So vergessen wir nichts mehr und haben gleichzeitig immer Inspiration für kreative Reste-Gerichte.

Wir selbst haben uns lange gewundert, warum die Lebensmittelindustrie die MHDs nicht einfach realistischer ansetzt, wenn doch bekannt ist, dass die meisten Produkte viel länger haltbar sind. Nach vielen Gesprächen mit Insidern haben wir verstanden, dass hier verschiedene Interessen aufeinandertreffen. Einerseits möchten die Hersteller natürlich auf Nummer sicher gehen und keine Reklamationen riskieren. Ein zu knapp kalkuliertes MHD könnte zu Beschwerden führen, wenn Produkte unter ungünstigen Bedingungen gelagert wurden. Andererseits – und das wird selten offen ausgesprochen – profitiert die Industrie durchaus davon, wenn Verbraucher Produkte wegwerfen und neu kaufen. Ein Industrievertreter hat uns off-the-record bestätigt, dass längere MHDs theoretisch möglich wären, aber nicht im Interesse aller Beteiligten sind. Hinzu kommt die Erwartungshaltung der Verbraucher selbst, die oft das Produkt mit dem längsten MHD aus dem Regal nehmen, selbst wenn sie es sofort verzehren wollen. Dieser Teufelskreis führt dazu, dass Händler ältere Ware nicht loswerden und diese dann im Müll landet. Die Lösung kann nur in einem Bewusstseinswandel liegen, und dazu möchten wir mit unseren Erfahrungen beitragen. Wenn mehr Menschen verstehen, dass das MHD kein Verfallsdatum ist, könnte sich die gesamte Dynamik ändern. In anderen Ländern wie Großbritannien gibt es bereits Bewegungen, das MHD bei vielen Produkten ganz abzuschaffen und stattdessen nur noch Produktionsdaten anzugeben, damit Verbraucher selbst entscheiden können.