
Wie wir aus Löchern Lieblingsstücke machen: Unsere Reise vom Wegwerfen zum Reparieren
Es war ausgerechnet mein allerliebster Kaschmirpullover, der den Anfang machte. Dunkelblau, butterweich und sündhaft teuer – ein Geburtstagsgeschenk von meinem Mann vor drei Jahren. Ich zog ihn aus der Waschmaschine und traute meinen Augen nicht: Ein Loch, groß wie eine Zwei-Euro-Münze, prangte direkt vorne in der Mitte. "Den können wir wegschmeißen", sagte mein Mann achselzuckend, als ich ihm das Malheur zeigte. Aber 180 Euro einfach so in den Müll? Das brachte ich nicht übers Herz. Also setzte ich mich an den Computer und googelte "Kaschmir reparieren". Was ich da fand, hat nicht nur meinen Pullover gerettet, sondern unser komplettes Verhältnis zu Kleidung revolutioniert. Heute, zwei Jahre später, haben wir geschätzt 800 Euro gespart und dabei Fähigkeiten erworben, von denen wir nie gedacht hätten, dass wir sie mal brauchen würden.
Der erste Versuch, meinen Pullover zu retten, war zugegebenermaßen holprig. Ich hatte mir ein YouTube-Video angeschaut und dachte: Wie schwer kann das schon sein? Mit einer normalen Nähnadel und blauem Garn, das farblich ungefähr passte, setzte ich mich an den Küchentisch. Nach einer Stunde sah das Loch aus wie eine schlecht vernarbte Wunde – beulig, unregelmäßig und alles andere als unsichtbar. Mein Mann konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen: "Schatz, das sieht aus, als hätte ein Kindergartenkind das gemacht." Er hatte recht. Aber anstatt aufzugeben, wurde mein Ehrgeiz geweckt. Es musste doch möglich sein, das ordentlich hinzubekommen!
Die Lösung kam in Form eines kleinen Nähkästchens meiner Schwiegermutter, das seit Jahren unbeachtet auf unserem Dachboden lag. Als ich ihr von meinem Reparaturversuch erzählte, lachte sie und sagte: "Kind, mit normalem Nähgarn kommst du bei Kaschmir nicht weit. Du brauchst Stopfgarn und die richtige Technik." Sie zeigte mir an einem alten Waschlappen, wie man richtig stopft – erst einen Rahmen aus Fäden spannen, dann kreuz und quer verweben. Das Prinzip ist eigentlich simpel, aber es braucht Übung und Geduld. Nach drei weiteren Versuchen an alten T-Shirts hatte ich den Dreh raus. Der Kaschmirpullover wurde mein erstes erfolgreiches Projekt. Man sieht die reparierte Stelle nur, wenn man genau hinschaut und weiß, wo sie ist.
Was uns bei unserer Recherche überrascht hat: Fast jeder Schaden an Kleidung lässt sich reparieren, wenn man weiß wie. Ein aufgegangener Saum? Zehn Minuten mit Nadel und Faden. Ein kaputter Reißverschluss? Mit etwas Geschick und einem Ersatzzipper für drei Euro selbst zu machen. Ein Loch in der Jeans? Perfect für einen coolen Patch. Wir haben eine Liste angelegt mit den häufigsten Schäden und den passenden Reparaturmethoden. Diese Liste hängt jetzt in unserer kleinen "Reparaturecke" – ein umfunktionierter Schrank im Flur, wo wir alle Materialien aufbewahren. Nadeln verschiedener Stärken, Garne in allen Farben, Stoffreste, Bügelflicken, Knöpfe, Reißverschlüsse und sogar eine kleine Handnähmaschine, die wir gebraucht für 30 Euro gekauft haben.
Die Kinderkleidung war anfangs unsere größte Baustelle. Unser Sohn Max, damals sechs, kam gefühlt täglich mit neuen Löchern in den Hosen nach Hause. "Mama, die Hose ist schon wieder kaputt", war sein Standardsatz. Früher hätten wir die Hosen weggeworfen und neue gekauft. Jetzt wurde daraus ein kreatives Projekt. Wir kauften bunte Bügelflicken mit Dinosauriern, Autos und Raketen. Max durfte sich aussuchen, welcher Flicken auf welches Loch kommt. Plötzlich waren die reparierten Hosen cooler als neue. Seine Freunde in der Schule wollten auch solche "Superhelden-Hosen". Eine Mutter hat mich sogar gefragt, wo ich die gekauft hätte!
Ein Game-Changer war die Entdeckung der Sashiko-Technik, einer traditionellen japanischen Reparaturmethode. Dabei wird der Schaden nicht versteckt, sondern mit kontrastfarbenem Garn und dekorativen Stichen betont. Meine erste Sashiko-Reparatur war an einer alten Jeansjacke meines Mannes. Der Ellbogen war durchgescheuert, und statt einen langweiligen Flicken draufzunähen, habe ich mit weißem Garn geometrische Muster gestickt. Das Ergebnis sah aus wie ein Designer-Piece. Die Jacke trägt er jetzt öfter als vorher, und schon mehrmals wurde er darauf angesprochen, wo er die "coole Jacke" her hat.
Die finanziellen Einsparungen durch das Reparieren haben uns selbst überrascht. Wir haben mal nachgerechnet: Früher haben wir im Schnitt 150 Euro pro Monat für neue Kleidung ausgegeben, oft als Ersatz für kaputte Sachen. Jetzt sind es vielleicht noch 50 Euro. Das macht eine Ersparnis von 1.200 Euro im Jahr! Klar, wir kaufen immer noch neue Kleidung, aber viel bewusster und seltener. Wenn etwas kaputtgeht, ist der erste Gedanke nicht mehr "wegwerfen", sondern "wie kann ich das reparieren?". Und oft wird aus der Reparatur sogar eine Verbesserung des ursprünglichen Kleidungsstücks.
Was die Materialkosten angeht, ist Reparieren unschlagbar günstig. Unsere Grundausstattung hat uns insgesamt vielleicht 100 Euro gekostet, verteilt über mehrere Monate. Ein Set gute Nähnadeln: 8 Euro. Stopfpilz (super praktisch für Socken): 12 Euro. Verschiedene Garne und Zwirne: 30 Euro. Stoffreste bekommt man oft geschenkt oder für ein paar Euro auf dem Flohmarkt. Knöpfe sammeln wir von alter Kleidung, bevor wir sie entsorgen. Reißverschlüsse kosten je nach Länge zwischen 2 und 8 Euro. Wenn man das gegen den Neupreis der Kleidung rechnet, hat sich jede Reparatur schon nach dem ersten Mal gelohnt.
Die verschiedenen Reparaturtechniken haben wir uns nach und nach angeeignet. Angefangen mit dem simplen Annähen von Knöpfen – das kann wirklich jeder in fünf Minuten lernen. Dann kamen einfache Nähte, meist an Stellen, die nicht so sichtbar sind. Der nächste Level war das Stopfen von Löchern, besonders bei Strickwaren. Das erfordert etwas Übung, aber wenn man den Dreh raus hat, geht es fast meditativ von der Hand. Reißverschlüsse austauschen war lange Zeit meine Nemesis. Die ersten drei Versuche sind grandios gescheitert. Aber dann habe ich einen tollen Trick entdeckt: Man muss den alten Reißverschluss nicht komplett raustrennen, sondern kann oft nur den Zipper (den Schieber) austauschen. Das geht in zwei Minuten und kostet nur 2-3 Euro.
Besonders stolz bin ich auf meine Upcycling-Projekte. Aus einer alten, ausgefransten Jeans meines Mannes habe ich eine Tasche genäht. Okay, sie sieht etwas schief aus und würde keinen Schönheitspreis gewinnen, aber sie ist unglaublich praktisch für den Wochenmarkt. Aus alten T-Shirts machen wir Putzlappen – einfach in Quadrate schneiden, fertig. Kapuzen von kaputten Hoodies werden zu Mützen für die Kinder umfunktioniert. Ein alter Rock wurde zum Kissenbezug. Die Möglichkeiten sind endlos, und Pinterest ist voll von Inspiration.
Die Reaktionen unseres Umfelds auf unsere neue Reparaturleidenschaft waren gemischt. Meine Mutter war begeistert: "Endlich macht ihr das, was wir früher alle gemacht haben!" Sie hat mir sogar ihre alte Singer-Nähmaschine geschenkt, die jetzt einen Ehrenplatz in unserem Nähzimmer hat. Manche Freunde fanden es anfangs etwas seltsam. "Ihr habt doch genug Geld für neue Klamotten", meinte eine Freundin. Aber als sie gesehen hat, was man aus kaputter Kleidung machen kann, war sie Feuer und Flamme. Jetzt treffen wir uns einmal im Monat zum "Repair Café" bei uns zu Hause. Jeder bringt kaputte Kleidung mit, wir trinken Wein und reparieren gemeinsam. Es ist wie ein Handarbeitskreis, nur cooler.
Ein Aspekt, der uns wichtig geworden ist: die Nachhaltigkeit. Die Textilindustrie ist einer der größten Umweltverschmutzer weltweit. Jedes Jahr landen Millionen Tonnen Kleidung auf dem Müll, oft noch tragbar, nur mit kleinen Schäden. Wenn man bedenkt, wie viel Wasser, Energie und Ressourcen in die Produktion eines einzigen T-Shirts fließen, ist es eigentlich Wahnsinn, es wegen eines kleinen Lochs wegzuwerfen. Unsere Kinder lernen durch das Reparieren auch einen anderen Umgang mit Dingen. Sie wissen: Kaputt heißt nicht gleich Müll. Man kann Sachen reparieren, umgestalten, ihnen ein neues Leben geben.
Die praktischen Tipps, die wir über die Zeit gesammelt haben, sind Gold wert. Zum Beispiel: Bei Löchern in Strickwaren immer von innen nach außen arbeiten, dann sieht man die Reparatur weniger. Bei Jeans einen Flicken von innen aufbügeln und dann von außen mit der Nähmaschine im Zickzack drübernähen – hält bombenfest. Für schnelle Reparaturen unterwegs: Doppelseitiges Klebeband für Säume, die sich lösen. Transparenter Nagellack stoppt Laufmaschen in Strumpfhosen. Ein Stück Seife über einen klemmenden Reißverschluss gerieben wirkt Wunder.
Was uns auch aufgefallen ist: Die Qualität der Kleidung macht einen riesigen Unterschied bei der Reparierbarkeit. Billige Fast Fashion ist oft so schlecht verarbeitet, dass sich eine Reparatur kaum lohnt. Der Stoff ist zu dünn, die Nähte schlampig, das Material minderwertig. Bei hochwertiger Kleidung dagegen lohnt sich jede Reparatur. Unser Learning: Lieber weniger, aber bessere Qualität kaufen. Die lässt sich reparieren und hält dann ewig.
Die Werkzeuge und Hilfsmittel, die wir mittlerweile besitzen, haben sich nach und nach angesammelt. Angefangen haben wir mit Omas Nähkästchen, mittlerweile haben wir eine kleine Werkstatt. Die bereits erwähnte Handnähmaschine war eine super Investition. Ein Bügeleisen mit Dampffunktion ist essentiell für Bügelflicken und um Nähte zu glätten. Eine gute Stoffschere – bitte niemals für Papier verwenden! Ein Nahttrenner für die Fälle, wo man nochmal von vorne anfangen muss. Verschiedene Vlieseline zum Verstärken. Ein Maßband. Stecknadeln in rauen Mengen. Und mein neuestes Lieblingswerkzeug: ein Stoffkleber, der wirklich hält und trotzdem waschbar ist.
Die verschiedenen Stoffarten erfordern unterschiedliche Herangehensweisen. Baumwolle ist der dankbarste Stoff – robust, verzeiht Fehler, lässt sich gut nähen. Wolle und Kaschmir brauchen spezielle Techniken und dünnere Nadeln. Seide ist eine Diva – ein falscher Stich, und man sieht es für immer. Jeans ist hart zu nähen, man braucht eine stabile Nadel und viel Geduld. Stretch-Stoffe sind tückisch, weil sie sich beim Nähen dehnen. Hier hilft ein Obertransportfuß für die Nähmaschine oder viel Übung mit der Hand.
Ein besonderes Erfolgserlebnis war die Rettung von Maries Kommunionkleid. Zwei Tage vor der Feier hat sie sich beim Spielen den Tüllrock aufgerissen – ein 15 Zentimeter langer Riss. Sie war untröstlich. Neues Kleid kaufen? Unmöglich in der kurzen Zeit. Also haben wir improvisiert. Mit feinem weißen Garn und winzigen Stichen habe ich den Riss zusammengenäht. Dann haben wir aus Stoffblüten, die eigentlich für ein anderes Projekt gedacht waren, eine Art Ranke über die Reparaturstelle appliziert. Es sah aus, als wäre es schon immer so gewesen. Marie war so stolz auf ihr "einzigartiges" Kleid, und tatsächlich haben mehrere Gäste gefragt, wo wir dieses besondere Design her hätten.
Die Zeitersparnis durchs Reparieren wird oft unterschätzt. Klar, eine aufwendige Reparatur kann mal eine Stunde dauern. Aber in die Stadt fahren, parken, durch die Läden hetzen, anprobieren, bezahlen, wieder nach Hause – das dauert mindestens genauso lange. Und man hat den Stress und die Kosten. Kleine Reparaturen mache ich nebenbei, während ich fernsehe oder Podcast höre. Es ist fast meditativ, und am Ende hat man das befriedigende Gefühl, etwas mit den eigenen Händen geschafft zu haben.
Was mich persönlich am meisten überrascht hat: Wie sehr mir das Reparieren Spaß macht. Ich war nie der handarbeitliche Typ, hatte in der Schule eine Vier in Textilarbeit. Aber es ist so befriedigend zu sehen, wie aus einem scheinbar ruinierten Kleidungsstück wieder etwas Tragbares wird. Manchmal sogar etwas Besseres als vorher. Neulich habe ich einen langweiligen schwarzen Pullover mit bunten Stickereien über kleinen Mottenlöchern verziert. Jetzt ist es mein Lieblingspullover, ein absolutes Unikat.
Die Fehler, die wir am Anfang gemacht haben, waren lehrreich. Einmal habe ich versucht, ein Loch in einem teuren Seidenhemd zu flicken. Mit der falschen Nadel. Das Ergebnis: Noch mehr Löcher. Das Hemd war wirklich hinüber. Lektion gelernt: Immer erst an einem unsichtbaren Stück testen. Ein anderes Mal wollte ich clever sein und mehrere Bügelflicken auf einmal aufbügeln. Temperatur zu hoch eingestellt, Flicken geschmolzen, Bügeleisen versaut, Hose ruiniert. Seitdem: Immer Anleitung lesen und Temperatur checken.
Die Communitys und Ressourcen, die es zum Thema Reparieren gibt, sind fantastisch. YouTube ist eine Goldgrube – für praktisch jedes Problem gibt es ein Tutorial. Instagram-Accounts wie @visiblemending zeigen kunstvolle Reparaturen. In vielen Städten gibt es Repair Cafés, wo man sich Hilfe holen kann. Online-Foren sind voll von Tipps und Tricks. Und das Beste: Die meisten Leute teilen ihr Wissen super gerne. Es ist eine richtige Bewegung geworden, weg von der Wegwerfkultur, hin zu mehr Nachhaltigkeit.
Ein praktischer Tipp für alle, die anfangen wollen: Fangt klein an. Ein fehlender Knopf, ein aufgegangener Saum, ein kleines Loch. Nichts, wo es schlimm wäre, wenn es schiefgeht. Mit jedem Erfolgserlebnis wächst das Selbstvertrauen. Und plötzlich traut man sich an größere Projekte. Wichtig ist auch: Habt Geduld mit euch selbst. Die ersten Versuche werden nicht perfekt. Aber perfekt ist auch langweilig. Der Charme von handreparierten Sachen ist ja gerade, dass man sieht: Hier hat sich jemand Mühe gegeben.
Die Entwicklung unserer Fähigkeiten über die letzten zwei Jahre ist beachtlich. Am Anfang brauchte ich eine Stunde für einen simplen Saum. Heute mache ich das in zehn Minuten nebenbei. Reißverschlüsse, vor denen ich früher Angst hatte, tausche ich jetzt routiniert aus. Sogar an Lederjacken traue ich mich ran – mit Spezialnadeln und viel Fingerspitzengefühl. Mein Mann hat sich auf Schuhreparaturen spezialisiert. Mit Sekundenkleber, Lederpflege und neuen Schnürsenkeln rettet er Schuhe, die andere längst weggeworfen hätten.
Was uns auch wichtig geworden ist: Die Pflege der Kleidung, damit erst gar keine Schäden entstehen. Wir waschen seltener und bei niedrigeren Temperaturen. Wolle und Kaschmir werden gelüftet statt gewaschen. Reißverschlüsse werden regelmäßig mit Kerzenwachs geschmiert. Knöpfe werden vorbeugend festgenäht, bevor sie abfallen. Motten werden mit Lavendelsäckchen und Zedernholz ferngehalten. Diese Präventionsmaßnahmen haben unseren Reparaturaufwand deutlich reduziert.
Die sozialen Aspekte des Reparierens haben uns positiv überrascht. Unser monatliches Repair Café ist mittlerweile eine feste Institution. Wir sind zwischen sechs und zehn Leute, tauschen Tipps aus, helfen uns gegenseitig, lachen über missglückte Versuche. Eine Nachbarin, die früher nur ein flüchtiges "Hallo" übrig hatte, ist jetzt eine gute Freundin geworden. Sie ist Schneidermeisterin im Ruhestand und ein wandelndes Lexikon in Sachen Nähtechniken. Im Gegenzug helfen wir ihr mit dem Computer und im Garten.
Ein unerwarteter Nebeneffekt: Die Kinder haben durch das Reparieren handwerkliche Fähigkeiten entwickelt. Max kann mit seinen acht Jahren einen Knopf annähen und kleine Löcher stopfen. Marie designt eigene Patches und experimentiert mit Stoffmalfarben. Beide haben ein Bewusstsein für den Wert von Dingen entwickelt. Neulich hat Max zu einem Freund gesagt: "Schmeiß die Hose nicht weg, meine Mama kann die reparieren!" Das macht mich schon ein bisschen stolz.
Die verschiedenen Reparaturmethoden haben alle ihre Berechtigung. Stopfen für unsichtbare Reparaturen, Patchen für coole Akzente, Sticken für kunstvolle Verzierungen. Kleben für schnelle Notlösungen, Nähen für dauerhafte Reparaturen. Jede Methode hat ihre Vor- und Nachteile, und oft kombinieren wir mehrere. Ein Loch wird erst mit einem Flicken von innen stabilisiert, dann von außen schön bestickt. So wird aus der Reparatur ein Designelement.
Oft wurden wir gefragt, ob sich der Zeitaufwand wirklich lohnt. Unsere Antwort: definitiv ja! Es geht nicht nur ums Geldsparen, obwohl das natürlich ein schöner Nebeneffekt ist. Es geht um die Satisfaction, etwas selbst repariert zu haben. Um die Kreativität, die dabei entsteht. Um die Nachhaltigkeit. Um die Wertschätzung für Dinge. Und ehrlich: Die meisten Reparaturen dauern weniger Zeit als eine Shopping-Tour. Ein Knopf annähen: 5 Minuten. Einen Saum nähen: 15 Minuten. Ein kleines Loch stopfen: 20 Minuten. Das ist weniger Zeit als eine Netflix-Folge.
Eine typische Frage war auch, welche Kleidungsstücke sich überhaupt lohnen zu reparieren. Unsere Faustregel: Alles, was wir gerne tragen, was eine emotionale Bedeutung hat oder was teuer war. Der Lieblingspullover? Auf jeden Fall. Die Jeans, die perfekt sitzt? Klar. Das Erbstück von Oma? Sowieso. Das billige T-Shirt vom Discounter? Eher nicht, es sei denn, es hat sentimentalen Wert. Aber selbst da: Als Putzlappen taugt es immer noch.
Wir haben uns selbst lange gefragt, ob wir nicht übertreiben mit unserem Reparaturwahn. Sind wir zu geizig? Zu öko? Zu altmodisch? Aber dann sehen wir die Ergebnisse: Einen Kleiderschrank voller Lieblingsstücke, die alle eine Geschichte haben. Kinder, die stolz ihre selbst geflickten Hosen tragen. 1.200 Euro mehr auf dem Konto pro Jahr. Und das Gefühl, einen kleinen Beitrag gegen die Wegwerfgesellschaft zu leisten. Nein, wir übertreiben nicht. Wir machen es genau richtig für uns.
Viele Bekannte wollten auch wissen, wo man am besten anfängt, wenn man keine Ahnung vom Nähen hat. Unser Tipp: YouTube-University! Es gibt fantastische Kanäle, die wirklich bei null anfangen. "Wie halte ich eine Nadel", "Wie mache ich einen Knoten", "Der erste Stich". Alternativ: Volkshochschulkurse, die gibt es oft für kleines Geld. Oder die Oma, Tante, Nachbarin fragen. Die meisten älteren Menschen können nähen und geben ihr Wissen gerne weiter. Man muss sich nur trauen zu fragen.
Die Frage nach der Wirtschaftlichkeit von teurerem Equipment kam auch oft. Lohnt sich eine Nähmaschine? Für uns definitiv, aber wir nutzen sie mindestens zweimal die Woche. Für Gelegenheitsreparierer reicht Handnähen völlig aus. Eine gebrauchte Maschine für 30-50 Euro tut es auch, muss nicht die 500-Euro-Computermaschine sein. Overlock-Maschine? Nur für absolute Näh-Nerds. Professionelle Bügelstation? Nice to have, aber ein normales Bügeleisen reicht. Das wichtigste Werkzeug sind sowieso die eigenen Hände und etwas Geduld.
Uns wurde auch oft die Frage gestellt, was man macht, wenn eine Reparatur misslingt. Ganz einfach: Improvisieren! Aus einem misslungenen Flickversuch wird ein dekoratives Element. Aus einer schiefen Naht wird eine Designlinie. Und im schlimmsten Fall: Die Sache war sowieso schon kaputt, also hat man nichts verloren. Wir haben eine "Hall of Shame"-Kiste mit unseren spektakulärsten Reparatur-Fails. Ab und zu holen wir die raus und lachen darüber. Manche Teile haben wir später nochmal repariert und gerettet, andere dienen als Übungsmaterial.
Eine weitere häufige Frage betraf die Reparatur von speziellen Materialien. Leder? Mit Spezialnadeln und Ledernähgarn machbar, braucht aber Kraft. Gore-Tex und andere Funktionsmaterialien? Spezielle Reparatur-Kits gibt es, oder zum Profi geben. Daunen? Wenn Federn rauskommen, schnell mit Klebeband abdichten und später richtig nähen. Elastische Stoffe? Zickzack-Stich verwenden, damit die Naht dehnbar bleibt. Für fast jedes Material gibt es Lösungen, man muss nur wissen, wo man sucht.
Zum Thema Nachhaltigkeit wurden wir auch befragt, ob das wirklich so einen großen Unterschied macht. Die Zahlen sprechen für sich: Die Textilindustrie verursacht mehr CO2-Emissionen als der gesamte Flug- und Schiffsverkehr zusammen. Für ein T-Shirt werden 2.700 Liter Wasser verbraucht. In Deutschland landen jährlich 1,3 Millionen Tonnen Textilien im Müll. Wenn jeder nur die Hälfte seiner Kleidung reparieren statt wegwerfen würde, wäre das ein riesiger Impact. Wir alleine werden die Welt nicht retten, aber jeder kleine Beitrag zählt.
Die schönste Erfahrung in unserer Reparatur-Journey war eigentlich die Veränderung unserer Einstellung. Früher war Kleidung für uns Konsumgut – kaputt, weg, neu. Heute hat jedes Stück eine Geschichte. Der Pullover mit dem kunstvoll gestopften Loch. Die Jeans mit den coolen Patches. Das Hemd mit den selbst angenähten Knöpfen. Es ist persönlicher geworden, individueller. Und paradoxerweise: Obwohl wir weniger neue Kleidung kaufen, sind wir besser angezogen als früher. Weil wir unsere Sachen pflegen, reparieren und dadurch länger schön bleiben.
Abschließend können wir sagen: Die Entscheidung, kaputte Kleidung zu reparieren statt wegzuwerfen, war eine der besten, die wir getroffen haben. Es spart Geld, schont die Umwelt, macht Spaß und gibt einem das befriedigende Gefühl, Probleme selbst lösen zu können. Die Kinder lernen wichtige Fähigkeiten und Werte. Und ganz nebenbei sind wir Teil einer wachsenden Bewegung geworden, die sich gegen die Wegwerfmentalität stemmt. Wenn das mal kein Grund ist, zur Nadel zu greifen!
Für weitere Geschichten aus unserem chaotisch-kreativen Familienalltag und praktische Tipps zum Selbermachen, schaut gerne regelmäßig auf unserem Blog vorbei. Und denkt dran: Löcher sind nur Designchancen in Verkleidung!